Wie soll man schreiben über etwas (zu den November-Progromen 1938)

Wie soll man schreiben über etwas, das alles war, weil es alles beinhaltete, was noch kommen sollte und geschehen war und geschehen wird, auch morgen wieder und übermorgen, das aber gleichzeitig so gut wie nichts war, ein minimaler Teil nur von jenem großen Ganzen, das weder groß noch ganz, das zerschlagen zurück ließ die Menschlichkeit, das zersplittert zurück ließ die Welt, das zerbrochen zurück ließ Millionen und Abermillionen, zerbrochen wie in jener Nacht das Glas, wie in jener Nacht das Kristall, wie in jener Nacht hunderte, tausende Menschen.

Wie soll man schreiben über etwas, dass ein Symbol für alles ist, weil es Sinnbild für alles ist, wenn es gleichzeitig nicht einmal ein Symbol gibt, welches es bezeichnet, kein Wort gibt, welches es beschreibt, weil kein Wort das Ereignis zu begreifen hilft, weil jedes Wort an dem Geschehenen zu zerbrechen droht, zerbrechend, wie in jener Nacht das Glas, wie in jener Nacht das Kristall, wie in jener Nacht hunderte, tausende Menschen.
Wie kann man sich hinsetzen und sprechen über etwas, über das man nicht sprechen können dürfte, weil es einem die Kehle zuschnüren sollte, weil es einem im Halse stecken bleiben sollte, weil man an den Worten ersticken sollte, wie Millionen und Abermillionen erstickt wurden, wie Millionen und Abermillionen nach ihrer Stimme, ihr Atem und schließlich sogar ihr eigener Tod, ihr jeeigener Tod genommen wurde.

Ist wieder ein Jahr vergangen und trifft man sich und spricht von Dingen die geschehen sind und nie mehr geschehen dürfen und schreibt man einen Text und hört ein Gedicht (dein goldgelbes Haar Margarete) und hört ein Lied (Du, sing! greif die zerhackte, deine nackte Harfe, singe doch) und hält eine Rede und dann kurz inne, betroffen und getroffen, und ist wieder ein Jahr vergangen und man kommt zusammen und lehnt sich zurück und mit wohligem Schaudern sagt man sich „niemals wieder“ und wieder und wieder höre ich die Worte, dass, die Ereignisse zu verdammen nicht einmal reicht, um zu verhindern, dass wieder Schaufenster eingeschlagen und Luster zerbrochen (und Menschen, und Menschen!), geschweige denn, um zu verhindern, dass die ganze Welt in Scherben fällt, in Scherben geschlagen wird. Und trotzdem kommen wir zusammen und denken und sprechen, weil man denken muss (auch wenn man nicht verstehen kann), weil man sprechen muss, um das Schweigen zu durchbrechen (wie zerbrochen Schaufenster und Luster und Menschenarme und –beine und Herzen und Augen), weil man verhindern muss, dass jenen, denen ihre Stimme, ihr Atem, schließlich sogar ihr Tod genommen wurde, noch einmal stimmlos, noch einmal atemlos, noch einmal verschwinden gemacht werden. Werden wir also auch heute nicht schweigen, obwohl wir sprachlos sind, obwohl wir unerhört bleiben, unerhört! rufen einige, es muss doch einmal Schluss sein, es muss doch einmal ein Schlussstrich gezogen werden, werden die Toten davon doch nicht wieder lebendig, werden Lebendige davon aber belästigt, werden wir damit belästigt obwohl gar nicht wir die Lästigen erledigten, nein, die lästige Pflicht erledigten, sondern unsere Großväter oder Urgroßväter und auch die nicht, sondern andere, immer die anderen. Werden wir also auch heute nicht schweigen, werden wir also auch heute wieder sprechen, ohne zu versprechen, dass das irgendetwas änderte, werden wir also auch heute wieder gedenken, denke ich kurz an das Wort „erinnern“, verwerfe es aber sogleich, weil Erinnertes einem innerlich präsent sein muss, weil uns dieses Ereignis nicht innerlich sein kann, weil wir es nicht verinnerlichen können, und weil wir daher unsere Gedanken äußern, unsere Gedanken nach außen tragen, tragisch genug, dass das keine Tragweite hat, hat es vielleicht aber doch, doch wohl eher nicht und weiter im Text.

Ist wieder ein Jahr vorbei und sind es 72 Jahre seit jener Nacht, in der sich einige wohl dachten, Glück und Glas, wie leicht bricht das, aber nicht leicht genug, helfen wir also nach, und nicht Leichen genug, helfen wir also nach, nach ihnen mein lieber Herr Nachbar, hier ist das Fenster ihrer Wohnung, oder soll ich ihnen auf die Sprünge helfen, oder soll ich ihnen Beine machen, wenn sie sich sie schon nicht brechen wollen (und Arme und Schädel und Hals), dann wollen wir ihnen eben welche machen, so sind wir Deutschen, so sind wir Österreicher, die wir zwar keine Österreicher mehr, aber dafür umso gründlicher, und dann ab in Schutzhaft, haften sie aber, mein lieber Herr Isaac, meine liebe Frau Sara, meine lieben Nachbarn, für den Schaden selbst, selbst schuld wenn einer von ihnen einen von uns erschießt, das war nicht sehr rathsam, sie verstehen?, das war nicht sehr klug, denn jetzt sind sie kaputt, die schönen Vasen und die schönen Luster und die schönen Gläser, jetzt sind sie zerbrochen, jetzt haben sie sich mir nichts dir nichts aus dem Staub gemacht, nein, sind sie mir nichts dir nichts zu Staub geworden (wie bald auch sie zu Staub und Asche werden, werden sie schon noch sehen, sehen wir sie bald in die Luft gehen, aber nicht vor Ärger, vor Hass aber schon, aber nicht vor Ärger und schon gar nicht vor ihrem, in den Lüften ein Grab, da liegt man nicht eng).

Ist wieder ein Jahr vorbei und sind es 72 Jahre seit jener Nacht, in der sich „spontan“ der Volkszorn entzündete, wie die Synagogen, die in ganz Deutschland und Österreich brannten, wie zuvor die Bücher und kurz darauf die Menschen, sind es 72 Jahre, seit jener Nacht in der, wie man sagt, die Synagogen brannten, gerade so, als hätten sie sich selbst entzündet, wie einst der Dornbusch in Ägypten, nur sprach diesmal kein Gott, und keiner leuchtete als Feuersäule den Weg und kein Gott war, der die bleigläserne Nacht durchbrochen hätte, wie zerbrochen Schaufenster und Luster und Kinder, Frauen und Männer und gebrochene Herzen und gebrochene Augen und Augenzeugen daneben, hilflos die einen, den Tätern helfend die anderen. Ist wieder ein Jahr vorbei und sind es 72 Jahre seit jener Nacht, in der 1000e starben, in der 30.000 deportiert wurden, und wissen wir noch immer nicht, wie wir darüber sprechen können, weil diese Nacht alles war, weil sie alles beinhaltete was noch kommen sollte und geschehen war und geschehen wird, auch morgen wieder und übermorgen, die aber gleichzeitig so gut wie nichts war, ein minimaler Teil nur von jenem großen Ganzen, das weder groß noch ganz, das zerschlagen zurück ließ die Menschlichkeit, das zersplittert zurück ließ die Welt, das zerbrochen zurück ließ Millionen und Abermillionen, zerbrochen wie in jener Nacht das Glas, wie in jener Nacht das Kristall. Heißt es lieber Kristall sein und zerbrechen, als ein Ziegel auf einem Dach, aber folgten der Kristallnacht Dachau und Buchenwald, Treblinka und Auschwitz, wurden Menschen wieder und wieder gebrochen, auch nach dem Tod, war die Nacht vom 9. auf 10. November nur der Beginn, und war sie nicht nur der Beginn, sondern bereits die Fortsetzung und setzen sich die Gedanken und Worte die dazu führten auch heute fort und setzen wir daher unsere Gedanken und Worte entgegen, setzen wir uns heute hin und lesen Texte (dein aschenes Haar Sulamith) und hören Lieder (aus zertretner Kehle kommt kein Laut) und halten Reden und kurz inne, nicht erinnernd, aber gedenkend, unsere Gedanken nach außen tragend, tragisch genug, dass sie nichts bewirken und nichts verhindern werden und schon gar nichts ungeschehen machen, machen wir das aber für uns und machen wir das, um den Millionen und Abermillionen nicht noch einmal ihrer Stimmen zu berauben, nicht noch einmal ihren Atem zu nehmen, nicht noch einmal sie verschwinden zu machen.

Gelesen am 9.11.2010, in der Grünen Galerie 7