gelb-rot-weiß

Der Herrgott hat g’lacht und lachend wir oder verbissen, nein, verbissen nicht, aber konzentriert, die Zähne über die Unterlippe geschoben, die Augen zusammengekniffen, oder warte,den Kopf vielleicht auf den linken Oberarm gelegt, in die linke Hand gestützt und scheinbar nachlässig oder tatsächlich nachlässig, leise plaudernd mit dem Sitznachbarn und dann laut losprustend, strenge Blicke der Lehrerin oder doch nicht strenge, ermahnende vielleicht, aber liebevoll, schön ist sie für die Mädchen und schön für die Buben, aber uralt (oder uralt und uralt und dann 20 Jahre später oder 25 und man selbst). Aber wohin verirre ich mich bloß wieder, wieder zurück in die Kindheits-erinnerungen, Zeichenunterricht oder Sachunterricht oder Werkunterricht, draußen auf jeden Fall fallende Blätter, braun und gelb und rot, und die Kastanienbäume voller Früchte, die wir sammeln, um sie zu den Futterkrippen zu bringen (aber eigentlich um des Sammelns willen, wie die Steine, die wir aus dem See tauchen, die wir aus Bächen fischen oder bunte Blätter oder Tintenpatronenkügelchen). Anfang Oktober ist es und zeichnend und bastelnd wir, flüsternd und lachend, wie er’s Landle hat g’macht, hat sich selber recht g’wundert über gar so viel Pracht.

Verbissen oder konzentriert oder fröhlich oder, egal, über unseren Blättern sitzend, die Blätter zuerst bemalend (draußen fallen sie braun und rot und gelb), dann ausschneidend, oder umgekehrt, zuerst ausschneiden und dann bemalen?, wie auch immer, über den bereits ausgeschnittenen oder später erst auszuschneidenden Blättern sitzend wir, mit über die Unterlippen geschobenen Zähnen, mit über die Oberlippen gestülpten Unterlippen und zusammengekniffenen Augen undsoweiter, draußen fallend das Laub (und 20 oder 25 Jahre später Augen und Haare und Lippen), aber immer noch fast spätsommerwarm die Sonne, die wir strahlend gelb in die obere Ecke, in die obere rechte Ecke unserer Zeichnungen zu malen pflegen (oder zu zeichnen? Lohnt es sich nicht der ausdrücklichen Schönheit, nein, des schönen Ausdrucks wegen die Wahrheit auch mal beiseite zu lassen?), Wahrheit zumindest, dass ich die Sonne immer in die obere rechte Ecke zu malen pflege,warum kann ich nicht sagen und nicht wieso und nicht weswegen.
Mit dem Sonnenmalstift, dem Buntstift oder Wachsmalstift, oder mit der gelben Wasserfarbe, nein, mit der nicht,war im Gelb der Wasserfarbe immer ein Tropfen blau (zu Grün geworden) oder schwarz oder braun, blieben immer blaue oder schwarze oder braune Farbreste in den schlecht ausgewaschenen Pinseln zurück und tropften sich ins Wasserfarbengelb, also gelber Stift, Buntstift oder Wachsmalstift oder meinetwegen Filzstift oder doch Wasserfarben, am Vorabend gereinigt von den Eltern, sitze ich, mit den Sonnenmalstiften, sitzen meine Schulkolleginnen und -kollegen und bemalen das oberste Drittel des vor uns liegenden Papiers, bemalen es sonnengelb oder sonnenblumengelb oder überhaupt blumenwiesengelb (auf der bunten Blumenwiese geht ein buntes Tier spazieren), gelb ein Hahnenschrei, nein, ein Hahnenfuß, eine Dotterblume, eine Schlüsselblume, ein Löwenzahn und der Goldregen im Garten meiner Großeltern, zu Ostern einige geschmückte Zweige in einer großen Vase im Vorhaus (und 20 oder 25 Jahre später immer auch auf einem Grab) und Palmkätzchen, und zu Weihnachten (oder ein Kirschzweig), der Weihnachtsbaum bei Oma und Opa immer mit gelben Kerzen geschmückt (daheim mit roten) und mit gelben Strohsternen und mit, mit Likör gefüllten, Schokoladefläschen, mit goldenem Lametta und einem goldenen Stern am Wipfel und brennend die Kerzen und Sternspritzer und darunter ich, mit großen Augen (oder doch schon zu alt, also meine Schwester mit offenem Mund auf den Armen meiner Mama, fest ihren Hals umklammernd). Die Augen zusammengekniffen über einem Blatt Papier sitzend bemale ich,bemalen meine SchulkollegInnen,-freundInnen, -kameradInnen den obersten Streifen der vor uns liegenden, bereits zugeschnittenen (einigen wir uns darauf, wenn sich meine Erinnerungen schon nicht einig sind, miteinander nicht einig werden, ich meine
übereinstimmen) Papierblätter gelb, ein Zitronenfalter fliegt gegen die Fensterscheibe und kreist tot zu Boden (bei den lebenden sieht man das Gelb nur im Flug) oder jagt ein Hund springend einem Zitronenfalter nach, gibt auf und verfolgt ein anderes Tier, ein anderes Insekt, eine Katze oder eine Maus, und verschwindet aus dem Blickfeld. Den Kopf in den linken Oberarm gelegt, den Stuhl zurückgelehnt, hör auf zu schaukeln!, oder vornübergebeugt, mit über die Unterlippe geschobenen Zähnen oder mit der Zunge im linken Mundwinkel (immer im linken, die Sonne immer rechts), sitze ich da und male mit gelber Farbe das oberste Drittel des vor mir liegenden Papiers aus, bemale das oberste Drittel des vor mir liegenden, rechteckigen Papiers gelb, goldgelb oder indischgelb oder narzissen- oder rosengelb (mein Papa, mit einem hochgerutschten alten, karierten Hemd und einer schlecht sitzenden blauen Arbeitshose, sodass der halbe Rücken, die halbe Unterhose, manchmal sogar der halbe Hintern zu sehen war, vor den Rosensträuchern, rot und weiß und schwarz und gelb), bemale es mit dem Gelb der Sonnenschirme der Taborhöhe, von wo aus wir, Eis essend oder Limonade trinkend, auf den See hinab blickten, und auf die Straße und man hörte leise, wie aus weiter Ferne,Verkehrsgeräusche und am Abend Musik vom größten Campingplatz der Gegend oder von der nachts erleuchteten Burgruine (oder bilde ich mir das ein oder nicht?) und dann durch den Wald nach Hause, müde und verschwitzt, am Himmel schon blass der Mond, aber auch immer noch die Sonne, und dann, später, unendlich viele Sterne, funkelnd gelb, und zwei, drei Rosenblüten in einer Schwimmvase auf dem Wohnzimmertisch,weiße oder gelbe oder rote.

Verbissen oder konzentriert oder fröhlich oder, egal, über unseren Blättern sitzend, die Blätter (von den Bäumen fallen sie gelb und braun und rot) bemalend, mit über die Unterlippen geschobenen Zähnen,mit über die Oberlippen gestülpten Unterlippen und zusammengekniffenen Augen undsoweiter sitzen wir und bemalen das Mitteldrittel des vor uns liegenden Papiers rot,bemalen es blutrot (mit dem man unsere Grenze schrieb, schreibt zumindest die große Nazidichterin, die weder groß noch Dichterin, singen zumindest wir,Volksschulkinder mit Fähnchen in der Hand und der Chor und die Volkstanzgruppe, die Trachtenfrauen und die Musikkapelle, und ein Kärntneranzugsträger spricht von Schicksal und Opfer und Heldentum), bemalen es sonnenuntergangsrot oder morgenrot oder klatschmohnrot oder überhaupt blumenwiesenrot (wandert zwischen grünen Halmen, wandert unter Schierlingspalmen), rot sickert Blut aus aufgeschlagenen Knien und Ellbogen, die Oma mit orangerotem Desinfektionsmittel reinigt und verbindet, und dann Mittagessen und schnell hinaus und auf die Räder, in den Wald oder zum Schottergrubenteich, um Kaulquappen mit einem Marmeladenglas zu fangen, ihnen eine Weile zuzuschauen und sie wieder zurückleeren,oder zum Rauschenbach (und ich höre leise, wie aus weiter Ferne,Verkehrsgeräusche), vorbei am Hochstand, vorbei an Himbeersträuchern (rot) und am großen Ameisenhaufen und an den Bäumen voller
Lianen, die wir abreißen und zu rauchen versuchen, beißend der Rauch in unseren Augen.
Die Augen zusammengekniffen über einem Blatt Papier sitzend bemale ich, bemalen meine
SchulkollegInnen, -freundInnen, -kameradInnen den mittleren Streifen der vor uns liegenden Papierblätter rot, ein Marienkäfer am Fensterbrett (Marienwürmchen fliege weg, Dein Häuschen brennt) wird von der Lehrerin auf ein Stück Papier geschoben und aus dem Fenster geworfen und dann ein Blick auf dieses und einer auf jenes Blatt Papier und schließlich auf meines, dessen Mitteldrittel ich, meinen Kopf in meine linke Hand gestützt,
meinen Kopf mit der linken Hand kratzend, oder den Stuhl zurückgekippt, hör sofort mit dem Schaukeln auf,mit über die Unterlippe geschobenen Zähnen oder mit der Zunge im linken Mundwinkel, mit roter Farbe ausmale, das mittlere Drittel des vor mir liegenden, rechteckigen Papiers rot bemale, scharlachrot oder kirschrot (im Vorhaus meiner
Großeltern ein Barbarazweig) oder erdbeerrot, wie unsere Hände, in denen wir Walderdbeeren in unser Lager im Wald brachten,wo wir uns versteckt hielten, um Pläne zu schmieden, gegen eine Diebstahlserie in den Hotels in den umliegenden Dörfern oder den immer unfreundlichen Busfahrer undsoweiter, um sie dort zu essen, und dann lieferten wir uns Tschurtschelschlachten oder spielten Fußball auf dem Spielplatz im Wald und kamen erst am Abend nach Hause, müde und verschwitzt, und badeten und aßen und dann bald ins Bett, Geräusche von Grillen durch die offene Balkontüre und, als leises Gemurmel, Gespräche der Eltern auf der Terrasse, und am Himmel ein weißer Mond.

Über unseren Blättern sitzend, leise miteinander redend und lachend, vor unseren mit gelber und roter Farbe bemalten Blättern sitzend, bestreichen wir, immer konzentrierter, nicht mehr auf unserem linken Oberarm liegend, nicht mehr den Kopf in die linke Hand gestützt, schließlich kaum mehr ein Wort miteinander wechselnd, sondern konzentriert nach vorne gebeugt, mit der Linken das Papier fixierend, mit der Rechten den an der linken schmalen Seite etwa zwei Zentimeter breiten,weiß gebliebenen Streifen mit Klebstoff, und wickeln diesen um einen dünnen, geraden Stock.Während wir das oberste Drittel des Blattes Papier mit gelber (Bunt- oder Wachsmalstifte oder Wasserfarben), das mittlere mit roter (Bunt- oder Wachsmalstifte oder Wasserfarben) bemalt hatten, lassen wir das unterste Drittel weiß, lassen es reinweiß oder verkehrsweiß oder signalweiß (aber nicht cremeweiß oder grauweiß), belassen es gänseblümchen- oder schneeglöckchen- oder überhaupt blumenwiesenweiß (wer nicht weiß, wie er heißt,wer vergisst,wer er ist). Weißer und violetter Flieder im Garten meiner Großeltern und rosaweiß, wie Totenschiffchen, schwebend Blüten vom Magnolienbaum und weiße Rosen und weiße Lilien ins Grab und eine Träne aus meinem Auge. Die Augen zusammengekniffen, vor dem gelb-rotweiß bemalten Papier sitzend, bestreiche ich, bestreichen meine SchulkollegInnen, -freundInnen, -kameradInnen den rund zwei Zentimeter breiten, weiß gelassenen, schmalen linken Seitenrand des Blattes mit Klebstoff und wickeln es um einen dünnen Holzstab. Ein kleiner Kohlweißling flattert lachend (ich weiß, wie Wolken schmecken) die Scheibe entlang und entschwindet schließlich aus meinem Blickfeld, konzentriere ich mich also wieder auf meine gelb-rot-weiße Fahne, seidenmattweiß oder deckweiß oder wolkenweiß (weißt du wieviel Wolken ziehen weithin über alle Welt; meine Mama an meinem Bett (ob ich mich tatsächlich daran erinnere?)) oder weiß wie der Schnee am Mittagskogel, schon oder noch, und ein kühler Wind, und die Luft riecht nach Winter oder nach Frühling (mit einer Prise Sommer, einer Sommerbrise), weiß wie Schnee Kirschbaumblüten im Frühling,weiß wie Kirschbaumblüten der Schnee im Winter, und wir lachend und schreiend auf dem Nachhauseweg von der Schule, nass und gefroren die Wollhandschuhe und nass und gefroren die Hosenbeine und Schnee im Nacken und schnell die Hausübungen gemacht und gleich hinaus, Schneeburgen und Schneeballschlachten undsoweiter, viel zu schnell dunkelt es und eiskalt ist es, ein bisschen schimpfen die Eltern, ihr werdet euch verkühlen!, also nichts wie in die Badewanne, brennend rot färbt sich die Haut, und stehend in der Badewanne, von einem Bein aufs andere tretend, wartet man ab, bis es schließlich nur mehr kribbelt, und hinein und bis zum Hals verschwindet man im Schaum. Und dann in Bademänteln beim Abendessen, müde und erschöpft und trotzdem zu früh gekommen die Nacht (aber morgen früh, wenn Gott will).

Ein gelb-rot-weißes Fähnchen in der Hand stehe ich, gelb-rot-weiße Fähnchen in der Hand stehen meine SchulkollegInnen, -freundInnen, KameradInnen, ich meine: -kameradInnen und ich und hören gelangweilt eine Rede (von Ehre und Schicksal, von Opfer und Unsterblichkeit) und hören dem Chor und der Trachtenkapelle zu und sprechen zwei von uns ein Gedicht, über ein schönes Land, mit Seen und Bergen (und Haidern und Dörflern) und drei Hauptstädten undsoweiter und erhoben wir von den Reden und Liedern, den Märschen und Gedichten und den Geschichten die wir zuvor schon im Unterricht gehört hatten, von Abwehrkämpfern die nicht kämpfen wollten, von Kindern die Helden waren weil Helden gebraucht wurden, von Mannesmut und Frauentreu, von den Geschichten die wir hörten wie wir auch von der Geschichte hörten, aber nicht von Ingeborg Teuffenbach oder Franz Novak, nicht vom Loiblpass oder vom Persmanhof und nicht von Pferden, die 1972 (da war David Cerny gerade mal fünf) aufgehängt wurden.
In unseren Händen gelb-rot-weiße Fähnchen stehen wir, um uns fallen gelbe und rote Blätter und weiße Wolken über uns (der Wolkenmann und seine Frau) und weiß nicht,was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin und lege darum den von mir beschriebenen Block, vor dem ich soeben noch, mit über die Unterlippen geschobenen Zähnen, mit über die Oberlippen gestülpter Unterlippe, gesessen bin, zur Seite und bin wieder. In Wien.

März 2010

In: SALZ 140 HYPOtheken & HYPOthesen. Literatur aus Kärnten, S. 24-26.