Die Heimat, die ich meine (die die meine oder nicht mehr oder doch)

Da denkt man, man kommt heim, und kommt man auch, und alles so vertraut, traue ich mich gar nicht zu sagen, sagen doch alle, daheim ist, wo man sich wohlfühlt, fühle ich aber in mir, mich nicht wohlfühlen zu können, mich erst gar nicht wohlfühlen zu dürfen, in dieser schönen Landschaft – schaffe ich es immer noch nicht, keine Worte und Sätze und Phrasen zu verwenden, die nicht von mir, wandle ich sie aber zumindest ab, aber jetzt aufgepasst: – in dieser schönen Landschaft, in diesem schönen Land, das klein, aber mein, mit seinen Haidern und Dörflern und den großen Kärntneranzugswestentaschen, in die man viel hineinstecken kann, in denen seit Jahren, seit Jahrzehnten Geld verschwindet

(unlängst zwei Milliarden oder mehr, aber keine Angst, eine Teil ist schon aufgefunden in den Landesparteizentralen, ein anderer wird, wahrlich ich sage Euch, einreiten in die Stadt Villach als goldenes Schaukelpferd der Kinder des Steuerberaters, raten Sie lieber nicht, wie viel Geld pro Minute er bezahlt bekommt, zählen wir lieber nicht nach, nachweisen wird man Unrecht ohnehin nie können, kann ich daher auch nichts behaupten, Hauptsache, ich habe etwas gesagt und ruhend gestellt, ich meine, beruhigt mein Gewissen, wissen Sie nun zumindest, dass ich mich nicht nur wohlfühle in diesem schönen Land, mit seinen Seen und Bergen und Wiesen und Wäldern und schönen Mädchen und schönen Buben und überhaupt alles schön (schön, dafür können wir nichts) und seinen Haidern und Dörflern (schön blöd, dafür schon)).

Da denkt man, man kommt heim, und kommt man auch, und alles so vertraut, trautes Heim, heimgehen, kein lieb’res Wort und so weiter, kommt man heim, komme ich heim, kehre ich ein, nein, fahre ich ein in den Villacher Hauptbahnhof, spiegelt sich mein Gesicht eben noch in der Scheibe des Zuges, zieht dahinter vorbei eine Landschaft, als hätte sie nichts anderes zu tun, spiegelt sich also eben noch mein Gesicht in der Scheibe des Zuges und dahinter die Spiegelung der gegenüberliegenden Scheibe und dahinter die vorbeiziehende Landschaft (zwei mal) und dann schon Lautsprecherdurchsage und Bahnhofshelligkeit (taghelle Gegend) und trete ich hinaus in meine Kindheit, meine Jugend, mein Jetzt (wie ein Schwamm saug ich das Jetzt auf und verarbeite es dann, wenn das Jetzt lang genug weg ist, um zu wissen was es kann), jetzt über die Rolltreppe und aus der Eingangshalle und nach links, alles wie immer, nur anders, und wartet mein Papa (wie immer) oder meine Mama (wie immer) oder mein Opa (der nicht mehr, der fehlt).

Da denkt man, man kommt heim, und kommt man auch, das Wohnzimmer um mich und meine Eltern, und ein Glas Wein vor mir und durch die Scheibe des Wintergartens der Blick frei auf den See (oder versperrt vom Christbaum oder Nebelschwaden über ihm) und ab und zu das Geräusch eines Autos oder eines Motorrads und die Pendeluhr steht immer noch auf kurz nach drei (wie oft werd‘ ich noch auf die Uhr schauen) und ich versuche mir vorzustellen, was zu dieser Zeit geschah (tue ich nicht, ziehen auch keine Erinnerungsbilder vor meinem inneren Auge vorbei, sind wir hier in keinem Film, in keinem Roman, in keinem Text). Sehe ich sie einfach nur an und die Maserungen der dunklen Holzdeckenbalken (in den Adern des Holzes sehe ich Gesichter) und die Musterung der Marmortischplatte und die Risse der Ledercouch und die Linien in den Gesichtern meiner Eltern.

Da denkt man, man sitzt im Café seiner Jugend, und sitzt man auch, und blickt auf die Drau und sieht den Schwänen beim Starten zu und erinnert sich an einen Kuss an den Ufern des Flusses (war es eisig kalt und Schnee lag neben dem Weg und warm ihre Lippen auf den eigenen oder war es warm, mein Schatten über ihren sich legend) aber muss man sich zur Erinnerung zwingen, kommt Zeit nicht zurück und auch keine Vergangenheitsbilder und schon gar nicht eine Stimme, ein Lachen, ein Sein, oder an Schulwandertage zum Silbersee (immer nur zum Silbersee), Ballspiele und Wetttauchen, und strahlend blau der Himmel oder Gewitterwolkenverhangen und Platzregen, oder an Abende mit Freunden, mit Bier aus der Dose und Wein aus Zwei-Liter-Flaschen und Zigaretten und Gesprächen über Schule und Liebe und Selbstmord (oder bilde ich mir das ein oder male ich mir das aus). Sitzt man im Café, aus dem Radio Ö2, zu Mittag die Aufnahme von Kirchenglocken, wie damals, in der Küche meiner Großeltern und am Abend das Eishockeymagazin, Versuche, die neuesten Hits auf Kassetten aufzunehmen und dann „Wetten Daß“ oder „Nase Vorn“ oder Jolly und Kindergespräche im Bett, bis Oma kommt und sich ins Zimmer setzt, um das Einschlafen zu bewachen (wenn Gott will, wird man wieder geweckt, und dann will er nicht mehr), weit aufgerissen die Kinderaugen, ihre Silhouette am Stuhl neben der Zimmertüre. Und am nächsten Morgen auf und raus aus dem Haus und mit den Cousins in die Schottergrube, zum Froschteich, oder zum Rauschenbach, Haselnussstauden und Himbeersträucher und Maiglöckchen und Krokusse (je nach Zeit, die steht nie und kommt nie zurück) und Lianen an den Bäumen. Und dann wieder zurück und Mittagessen und im Radio Kirchenglocken.

Schlagen Kirchenglocken die Zeit voran, denkt man, man ist daheim, und ist man auch, und will reden mit dem Wegseienden und sucht den Ort auf, an dem man ihn vermutet, aber da ist er nicht. Ist er nicht und auch sonst nichts, ist auch nicht der Mittagskogel, im Nebelgrau die Karawanken, der Boden geht direkt in den Himmel über und darüber nichts, keine Engel und kein Gott und schon gar kein Opa. Da denkt man, man will reden und steht stumm vor dem Grab und presst gerade noch ein „Opa“ (oder ein „Papa“, ein „Mama“ oder ein „Oma“) zwischen den Zähnen hervor, voran die Zeit geschlagen von der Kirchturmsuhr und die kommt nie wieder zurück, Zeit kommt nie zurück und auch kein Mensch und Erinnerungen verblassen und man selbst und dann steht einer vor deinem Grab und du selbst bist nicht und warst nie und wirst niemals sein. Da steht man vor dem Grab, weil man mit dem Wegseienden sprechen will, weil man, gerade heimgekehrt, mit jenem sprechen will, der Daheim war und ist, und ist da eine Leere, ist da ein Loch, wie damals, wie vor kurzem, wie gestern, in der Erde ein Loch und ich davor und dahinter der Mittagskogel, der ist voller Schnee, ist noch oder gerade nicht mehr oder immer noch voller Schnee oder nicht, liegt in der Frühlings- oder Sommer- oder Wintersonne oder ist verschwunden hinter einer Wand aus Nebel. Und dann steht man vor dem Grab, darauf ein Osterstrauch (und gelb der Goldregen) oder ein Weihnachtsbaum oder ein Rosenstrauß und festgefrorene Regentropfen oder Schnee (den entfernt man nicht von den Gräbern, erklärt mir meine Mama) oder ein Schmetterling oder Bienen, und fällt ein Magnolienbaumblatt von einem Zweig, und will sprechen mit dem Wegseienden aber da ist er nicht. Ist er nicht und nichts ist, selbst der Mittagskogel verschwunden, die Karawanken im Nebelgrau, der Boden direkt in den Himmel übergehend, die Karawanken im Sonnenlicht und darüber ein großer Vogel und darüber nichts, kein Gott und schon gar kein Opa, und nichts vor einem und nichts in einem.

Da denkt man, man ist daheim, und ist man auch, und lässt sich das nicht nehmen, schon gar nicht von jenen, die andere Sprache verbieten, die andere Glauben verbieten, die andere Meinungen verbieten (einfach ganz locker bleiben, wie die Mutter aller Räder, ich meine, einfach mal gelockert die Radmuttern), die einem das Denken verbieten (weil ohnehin er sagt, was wir denken). Ist man daheim, und alles wie es war (blau der See oder türkis oder verborgen unter einer Nebelschicht, und Schnee auf den Bergen und den Bäumen und Eiszapfen von Dachrinnen oder buntgefärbt die Wälder und (keine Bilder aus der Vergangenheit, Bilder kommen nie, tauchen nie, wie aus dem Nichts auf oder ziehen, einfach so, an einem vorbei, sind wir hier in keinem Film, in keinem Roman, in keinem Text) Kinder laufen lachend durch Laubhügel, oder heiß die Sonne und Segel am See, und laute Stimmen aus Strandbädern, und Erdbeereiskugeln in Tüten, tropfend auf Kinderhände und Kinderarme), aber ist es nicht, kommt man heim und ist einer heimgegangen (geht mir nicht aus dem Kopf die Vorbeterin in der Leichenhalle, hallen noch immer jene Worte in mir nach, die sie am Tag des Begräbnisses meines Opas für jenen gesprochen, der sich Phaetongleich aus seinem Sein stürzte; stürzen sich in mir immer noch jene Worte von einer Seite meines Schädels zur anderen, die für jenen gesprochen, der für das steht, was mein Opa nicht war) und der fehlt, fehlt beim Staudammbauen (als baute ich noch Staudämme) und beim Haselnusssteckenschnitzen und fehlt vorm Bahnhof (taghell erleuchtet, als gäbe es kein Dunkel) zu dem ich gebracht werde. Im Zug sitzend bewege ich mich langsam (koj pocasno höre ich meinen Opa sagen, in seiner Muttersprache, die mir verloren gegangen) in die hereinbrechende Dämmerung (also doch), betrachte ich mein Spiegelgesicht im Zugfenster, dahinter die Spiegelung der gegenüberliegenden Scheibe und die Landschaft, die liegt verdoppelt da, mit ihren Bergen und Wäldern und Häusern und Seen, mit ihren Haidern und Dörflern, und ziehen vorbei, als hätte sie nichts besseres zu tun und hat sie nicht und ich nicht und niemand sonst.

Dank an: Elfriede Jelinek (selbst die Danksagung ist von ihr), Jörg Haider, Josef Winkler (da hat das Schaukelpferd sich einmal umgedreht), Angelika Reitzer, Nino aus Wien, Element of Crime, Tocotronic, dem Volksmund und dem Volkslied und des Knaben Wunderhorn

Wien / Villach / Egg, Jänner 2010
 
In: Amann, Klaus/Doris, Moser (Hgs.): literatur/a. Jahrbuch 2009. Klagenfurt/Celovec: Ritter Verlag 2010, S. 97-100.