Stadtspaziergang

1
Auf der Fußgängerbrücke über der Drau stehen bleibend blickte ich lange auf den unter mir ruhig vorbeifließenden Fluss bevor ich, den Blick hebend, im Südosten die Türme der Kreuzkirche bemerkte, mich von den Türmen der Kreuzkirche beobachtet fühlte, mich, beobachtet von den Türmen der Kreuzkirche nach Westen drehte, nur, um den Turm der Stadtpfarrkirche zu sehen, von dem vor vielen Jahren ein 13-jähriger Bub gesprungen war, ein 13-jähriger Bub seine Arme zur Seite gestreckt und sich fallen gelassen hatte, seine Arme zum Kreuzzeichen Christi ausgestreckt sich fallen gelassen hatte, ohne dass eine Gruppe von Engeln in aufgefangen und gerettet hätte.
Auf der Fußgängerbrücke stehend, von den Türmen der Kreuzkirche und dem Turm der Stadtpfarrkirche beobachtet, wandte ich mich gegen Norden, wo ich den Turm der Nikolaikirche bemerkte der mich, wie die Türme der Kreuzkirche, wie der Turm der Stadtpfarrkirche zu beobachten schien. Beobachtet von der Dreifaltigkeit, Kreuzkirche, Stadtpfarrkirche und Nikolaikirche, streckte ich meine Arme zur Seite, kreuzigte ich meinen Schatten auf dem Asphalt und schloss die Augen, augenblicklich mich ängstlich umsehend ob jemand in meiner Nähe sei, ob jemand meine Selbstkreuzigung beobachtet hätte.
 
2
Auf den Stufen der Fußgängerbrücke, seit Jahren warte ich auf ein Stolpern von mir, male mir seit Jahren aus, dass ich dereinst auf einer Treppe ins Stolpern geraten, eine Treppe hinabstürzen, über eine Treppe in den Tod stürzen werde, kam mir ein 15-, vielleicht 16-jähriges Mädchen entgegen, auf dessen T-Shirt Bitte versteht mein Verhalten als Ausdruck meiner Ablehnung euch gegenüber geschrieben stand. Lächelnd drehte ich mich nach dem 15-, vielleicht 16-jährigen Mädchen und ihrem kaum älteren Freund, auf seinem rosaroten T-Shirt ein weißer Totenkopf, darunter in weißer Schrift The Last of the Great Romantics, um, geriet ins Stolpern und konnte einen Sturz gerade noch vermeiden. Vorsichtig die restlichen Stufen hinabsteigend beschloss ich, nicht wie geplant die Gerbergasse nach rechts in Richtung Hauptplatz, sondern, die Gerbergasse überquerend, durch die Freihausgasse in Richtung Neue Bühne zu gehen, um, wie fast jedes Mal, wenn ich in Villach spazieren gehe, beim vormaligen Bühnen-, jetzt nur mehr Künstlereingang der Neuen Bühne Villach die in großen, schwarzen Buchstaben auf die Wand geschriebenen Zitate zu lesen.
Die Freihausgasse, beim Optiker, dem Kartenbüro, dem schwarzen, schmiedeeisernen Tor der Bar Lücke vorbei, entlang gehend, überquerte ich, auf Höhe des Club Soho, vor dem beinahe jeden Freitag und Samstag nach 2 Uhr, wenn fast alle anderen Lokale bereits geschlossen haben, sich eine Schlange von Nachtschwärmern bildet, die Straße, um, zum wiederholten Male, die in schwarzer Farbe beim Künstlereingang der Neuen Bühne Villach auf die Wand gemalten Zitate zu lesen, mir, zum wiederholten Male, das eine oder andere Zitat in mein Notizbuch zu schreiben, vor allem Goldonis Geht irgendwohin und wartet dort auf mich hatte es mir angetan.
 
3
Vier italienischsprechende, knapp 20-jährige Mädchen kreuzten, als ich von der Freihausgasse kommend, über den Standesamtplatz und den Rathausplatz in Richtung Hauptplatz gehen wollte, laut lachend meinen Weg. Zum Schein überlegend, ob ich mich nach links, in die Kevenhüllergasse, vorbei beim Gasthof Bacchus und der Volksschule, oder nach rechts gehen sollte, ließ ich die vier Italienerinnen passieren um hinter ihnen her gehen zu können. Bei allen vier Mädchen konnte ich die Unterwäsche unter den Hüfthosen hervorblitzen sehen, bei einem Mädchen, das eine blau-weiß gestreifte Unterhose trug, ragte aus dieser das Etikett hervor, so dass ich, hinter ihr her gehend, nicht nur die Unterhose, sondern auch das Etikett der Unterhose sehen konnte.
Während ich, in meinem Kopf wirbelten noch jene Zitate von Handke, Jelinek, F.K. Wächter und den anderen Autorinnen und Autoren herum, die ich, zum wiederholten Male auf der Wand des Künstlereingangs der Neuen Bühne Villach gelesen hatte, hinter den vier, knapp 20-jährigen, laut lachenden, italienischen Mädchen, deren Unterhosen ich allesamt sehen konnte, ging, passierte ich, ohne es wirklich zu bemerken das Per Du, folgte den Mädchen über den Rathausplatz und den Kirchenplatz, überholte sie aber, als sie einen Moment vor dem Stadtmuseum in der Widmanngasse stehen blieben.
 
4
Den Notizblock immer noch in der Hand ging ich, in der Stadt meiner Jugend, auf der Suche nach Bildern, auf der Suche nach mir, die Widmanngasse entlang, bog nach dem Gebäude der GKK nach links in die Draustadtstraße, spazierte bei Mr. Wu vorbei, die Ringmauergasse entlang, bog aber nicht, wie ich es viele Jahre lang getan hatte, um, mit dem schweren Harmonikakoffer in der Hand, durch die Kunigundengasse zur Musikschule zu gehen, vor der Markthalle rechts ab, sondern bog erst vor dem 29er nach rechts, und also erneut in die Widmanngasse, ab, die ich in Richtung Kaiser Josefplatz entlangging.
Am Kaiser Josefplatz kam mir, aufs Café Stern zusteuernd, eine Gruppe Mädchen entgegen, die sich kichernd nach zwei Burschen umdrehten, die ihnen Komplimente (oder anzügliches, ich konnte es nicht verstehen) nachgerufen hatten. Einer der Burschen zog an seiner Zigarette, schnippte sich in hohem Bogen auf den Boden, spuckt lautstark aus und zündete sich eine neue Zigarette an. „Rippalan und Wedges“ stand auf einer Tafel neben dem Eingang des Dukes, tatsächlich stand dort „Rippalan und Wedges“ und nicht etwas „Spareribs und Wedges“, stand tatsächlich nicht „Spareribs und Wedges“ sondern, wie selbstverständlich, der Kärnter Ausdruck „Rippalan“ neben dem englischen „Wedges“ und einen Moment dachte ich mir, warum zwar „Rippalan“ neben „Wedges“ nicht aber Bleiburg neben Pliberk oder Schwabegg neben Zvabek stehen könne.
 
5
Durch die Karlgasse auf den Hauptplatz kommend sah ich, zu meiner linken, einen jungen Burschen Akkordeon spielen, kramte in meiner Hose nach einer Münze, zog aber meine Hand beschämt aus der Tasche, als eine ältere, gebückt gehende und ärmlich gekleidete Frau einen 5-Euro-Schein in den Akkordeonkoffer warf und den vielleicht 17-, 18-jährigen Burschen aufmunternd zulächelte. Immer noch beschämt ging ich den Hauptplatz hinunter, betrat die Stadtbrücke, überquerte diese, laut schreiend startete unter mir eine Gruppe Schwäne, auf der rechten Seite, kreuzte die Nikolaigasse, ging beim Spritztime und der Kirche vorbei und bog, vorm Brauhof, nach rechts ab. Beim Kunstsudhaus vorbeigehend, gelangte ich zur Brauhausgasse, wandte mich nach rechts, kreuzte noch einmal die Nikolaigasse, ließt den Europaplatz rechts liegen, bog erneut nach rechts und blieb schließlich, auf der Fußgängerbrücke über der Drau stehen, blickte, auf der Fußgängerbrücke über der Drau stehen bleibend, lange auf den unter mir ruhig vorbeifließenden Fluss bevor ich, den Blick hebend, im Südosten die Türme der Kreuzkirche bemerkte...
November 2009
In: KFAST (Hg.): Student guide Villach. Villach: 2009, S. 8-20.