Leben Sie Gedankenfreiheit!

Denke ich, also bin ich. Denke ich frei, also bin ich frei. Freilich ist das nicht überall so, ist das, obwohl unvorstellbar, täglich ersichtlich, täglich erlebbar, ohne Hoffnung auf Veränderung. Ändere ich, weil ich denke, weil ich bin, weil ich existiere, meine Meinung, ändern sich, nein, ändere ich die Richtung meiner Gedanken (weil mein Kopf rund ist) und somit meine Meinung, meine Überzeugungen, zeige (oder zeige nicht, ganz wie ich will, ganz wie ich darüber denke) ich diese durch Lehre, Ausübung oder Kulthandlungen, handle ich und werde nicht verhandelt, weil ich bin, weil ich denke, weil die Gedanken frei, freilich ist das nicht überall so, ist das, obwohl unverzeihbar, täglich ersichtlich, täglich der Fall, fallen einem unzählige Beispiele ein, so viele, dass der Platz sie aufzuzählen hier nicht reicht. Reichlich Platz aber für meine Gedanken, die ich, theoretisch, nicht nur denken – weswegen ich bin, weswegen ich existiere – sondern auch äußern darf, nach außen tragen darf und ausdrücken (auch dazu ein Gedanke, wieder nicht von mir, dass es nicht genügt, keinen Gedanken zu haben, dass man auch unfähig sein muss, ihn auszudrücken) und formulieren.
 
Forme ich mir einen Gott als mein Abbild, bilde ich mir eine Welt, ich meine, bebildere ich meine Welt nach meinen Vorstellungen und Ansichten, Wünschen und Träumen, habe ich einen Traum und glaube ich daran, darf daran glauben wie ich träumen darf, darf glauben was ich will und träumen und ersehnen und denken (denken Sie aber bloß nicht, das hier sei frei von Ethik, gelten natürlich auch die Gedanken der anderen, die Vorstellungen, Wünsche und Träume) und, nein, und deswegen: sein.
 
Bin ich was ich denke (weil ich denke) und was ich glaube und was ich will (oder nicht glaube oder nicht will) und möchte mir mein Sein nicht nehmen lassen, wie Tausenden, Millionen, Milliarden ihr Sein, ihr Existieren genommen wird, weil ihnen ihr Glauben verboten wird, ihnen ihr Denken verboten wird, ihre Träume und Wünsche und Hoffnungen genommen wird, ihr Sein verboten wird.
 
Wird man mir mein Sein nicht nehmen, denke ich, denke aber gleich wieder um, sehe mich kurz einmal um, um mich herum genügend, denen ihr Glauben, denen ihr Denken genommen wurde, die sich gedacht haben, sich ihr Sein nie nehmen lassen zu werden, die dies aber nicht mehr denken, weil sie es nicht dürfen, weil ihnen ihr Denken verboten wurde, weil ihnen ihr Glaube vorgeschrieben wird, und ihr Wollen und ihr Träumen. Weil ihnen das Nachdenken verboten wird, wird ihnen vorgedacht, denke ich mir, denke mir, solange ich noch frei denken kann, das zu nützen, nicht auszunützen aber zu benützen, denke mir, wieder mit den Worten eines anderen, mit den Gedanken eines anderen die zu mir kommen, weil sie frei sind, wie meine Gedanken frei sind, zumindest theoretisch, zumindest laut Papier, das aber mehr Geduld hat als diejenigen gegen die man denkt, weil sie es einem verbieten, wo war ich, bei den Gedanken eines Anderen, die ich mir nun aneigne, denke ich also mit jenen fremden Gedanken, dass die Gedankenfreiheit zu haben (und haben es die wenigsten mischen sich meine Gedanken nun in eigener Sache ein, einverstanden, sage ich, denkt was ihr wollt) das eine sei, die Gedanken zu haben das andere, anders ausgedrückt: Leben Sie Gedankenfreiheit!
 
[Zusätzliche Gedanken, hintan gefügt, um meinem Textgefüge nicht allzu viel Schaden zuzufügen: Heißt „Gedankenfreiheit leben“ auch, diese zu geben, heißt es tolerant sein, nicht allein von Seiten des Staates – obwohl der unsrige, wie alle anderen, gerne die Gedanken kontrollieren würde, gerne das Gedankenfreiheitsmonopol (wie das Gedankenmonopol) innehätte, vor allem jetzt, da das TV-Monopol und das Postmonopol und so weiter nicht mehr existieren. Heißt Gedankenfreiheit zu gestatten, dass anderer Menschen Gedanken frei sind, dass andere sich ein Gotteshaus bauen (ob mit Minarett oder Turm oder Kuppel oder nichts von alledem), dass Radmuttern sich nicht lockern, weil jemand anders denkt, dass Ortstafeln nicht gestürmt werden, weil man sprachlos ist (und nichts anderes als Sprachlosigkeit erklärt den Hass auf anderer Menschen Sprachen, wie Gedankenlosigkeit den Hass auf anderer Menschen Gedanken, wer sprechen kann, der höre, sagt einer, der nicht mein Gott, den ich aber zulasse, wie es seine Gedanken zulassen, dass ich sie frei interpretiere und umstelle. Stelle ich also am Ende noch einen Gedanken, der nicht von mir, mir aber nicht fremd: Geben wir Gedankenfreiheit!]

 

November 2009

 

aus: Menschenrechtsbroschüre der ÖH Wien.