Fremd alles um mich herum

Fremd alles um mich herum, fremd die Strasse durch die ich gehe obwohl ich sie schon hundertmal, schon tausendmal gegangen bin, obwohl ich schon hundertmal, schon tausendmal aus dem großen, grünen Holztor auf die Strasse getreten bin, unter dem auf mich herabblickenden Gipskopf hindurchgegangen und auf die Strasse getreten bin, die Meiselstrasse in Richtung Johnstrasse gegangen bin um zur U-Bahn zu gehen oder zum Bus oder um weiterzugehen, die Johnstrasse hinauf zur Hütteldorferstrasse zu gehen und diese hinunter, vorbei beim McDonalds, vorbei beim Reisebüro, beim Solarium, beim Pornoladen wo man günstig Filme undDVDs bekommen kann bis hin zum Gürtel, diesen überquerend und so weiter, immer ein Buch in meiner Tasche, immer einen Block und einen Bleistift und so weiter.

Fremd die hundertmal, die tausendmal hinuntergelaufenen Stufen der Rolltreppen, wartend auf mein Stolpern, auf meinen Fall, auf meinen Aufprall, den Kopf gespalten treibe ich die Rolltreppe hinunter und bleibe liegen, achtlos die über mich steigenden Menschen.

Fremd das Geräusch der herannahenden U-Bahn, mechanisch die Überlegung meiner Selbstkreuzigung auf der Windschutzscheibe, ein Sprung, ein Ausbreiten der Arme, dem U-Bahn-Fahrer in die erschreckt aufgerissenen Augen blickend, das Brechen meiner eigenen Knochen dröhnend in meinen Ohren. Mein Gesicht in der Spiegelung der Fensterscheibe betrachtend, hinter meinem Spiegelbildich die Dunkelgräue des U-Bahn-Schachtes, über meinem Spiegelbildich mein Spiegelbildsitznachbar, das Innere des Wagons, die Ahnung der Spiegelung der gegenüberliegenden Scheibe, die Spiegelung, der Spiegelung, der Spiegelung und so weiter.

Der Weg zur Universität, hundertmal, tausendmal, und alles so fremd, fremd der lautstark sich über die Ausländer aufregende alte Mann, fremd die lautstark Musikhörenden türkischen Jugendlichen, tückisch diese Verknüpfung, billig dieses Wortspiel, billig das Parfum der älteren, ärmlich gekleideten Frau, nein, Dame trotz alledem, hundertmal, tausendmal die gleichen monotonen Schritte die spurlos verschwinden, die von tausenden, hunderttausenden Schritten überdeckt werden, zertreten werden, die in den Staub getretenen Spuren meines Ichs zu Staub zertreten, näher tretend zur letzten Bank der U-Bahn-Station neben der ich mich stets hinstelle, neben der ich auf die nächste U-Bahn warte um umzusteigen, neben der ich schon hundertmal, tausendmal auf die Anschluss-U-Bahn gewartet habe, suche ich vergeblich eine Spur meines Hiergewesenseins, denn ich war nie hier und werde nie hier gewesen sein und weiter bewege ich mich durch ein fremdes Leben.

Das Geräusch der einfahrenden U-Bahn, das Fenster, die Spiegelung der Spiegelung der Spiegelung, fremd sieht mich ein müdes Gesicht an, welches das meine sein soll, welches mir zugeschrieben wird, ein Messer nehmend werde ich mein Gesicht mit mir beschriften, werde ich mich mir einschreiben, werde ein Alpha und ein Omega auf mein Gesicht schreiben in der Hoffnung, dass ich auferstehe aus der Existenz die vorgibt ich zu sein, mit dem Messer ein Alpha und ein Omega in mein Gesicht schnitzend, tief in das Fleisch schneidend, ungläubig meine Hände in meine Wunden legend, die blutbeschmierten Finger zu meinen Mund führend, dies ist mein Blut, dass für mich vergeben wird zur Vergebung meiner Sünden.

Die U-Bahn-Station, das Neonlicht, die Menschen, einer wie der andere aber alle bei sich und hier zu Hause.

Hundertmal, tausendmal die Rolltreppe, die erste Bäckerei rechts liegen lassend, die zweite direkt ansteuernd, blutig der Geschmack auf meinen Lippen, breche ich das Brot, meinen Leib und so weiter.

Die mechanische Stimme im Lift, die die Stockwerke ansagt, das mechanische Grüßen der Sekretärinnen, mechanisch fülle ich Kaffee in den Filter, zischend heißes Wasser, Kaffeegeruch holt mich nicht zurück, wohin auch?, an welchem Punkt habe ich mich verloren?

An meinem Schreibtisch vor meinen aufgeschlagenen Block sitzend öffne ich meine Pulsadern um mich blutigrot auf das Papier zu bringen, um im Blut meines Ichs, das Ich meines Seins zu finden, um die Fremdheit meiner Existenz, an welchem Punkt?, zu verjagen, um bei mir zu sein oder wenigstens zu Hause aber verblutend schreibe ich an mir, schreibt die Sprache an mir vorbei und ich schließe denn Block und die Augen, und öffne die Augen und meine e-mails und beginne zu sein was ich sein muss.

Jänner 2007