Das Wort, die Sprache

Non datur tertium sive medium inter duo contradictoria – Zwischen zwei Gegensätzen gibt es nichts Drittes und Mittleres, zwischen zwei vermeintlichen Polen nichts Vereinendes, zwischen Literatur und Jus nichts Gemeinsames.

Doch nur vermeintlich sind es zwei Pole, nur scheinbar Gegensätze, denn es gibt ein Mittleres, ein Vermittelndes, das Übermittelnde, den Mittler, der am Anfang war und auf dem alles Menschliche fußt: Das Wort ward Sprache und

die Menschheit durch das Wort, denn „nur durch das Wort werden wir zum Menschen, nur durch das Wort stehen wir miteinander in Verbindung“ (Montaigne). Und wie dem Autor das Wort Grundlage seines Schaffens ist, das er sucht, verzweifelt sucht, verfehlend sucht, getrieben durch die Sucht nach diesem, so ist auch dem Juristen das Wort Grundlage seines Schaffens, wendet er es um, dreht es, zerpflückt es, zersetzt es und setzt es neu zusammen, wie der Autor das Wort sucht die Welt zu beschreiben, überprüft der Jurist das Wort, ob es der Welt standhält, ob es in der Welt standhält, auf dass es die Welt zusammenhält.

 

Das Wort also ist, was Autoren und Juristen vereint. Versuchen nicht beide die vielfachen Bedeutungsnuancen auszuloten, spielerisch die Einen, penibel die Anderen, die Bedeutungsvielfalt herbeizuführen suchend die Einen, Doppelsinnigkeiten gerade zu vermeiden trachtend die Anderen? Und sind sich nicht beide der Schwierigkeiten bewusst, beide ihrer Unzulänglichkeiten bewusst: Nicht alles ist sagbar, im Grunde nichts Seiendes sagbar, nichts schreibbar, falsch alles im Moment des gesagt Werdens, des geschrieben Werdens. Und sind sich nicht beide der VerantWORTung des Wortes bewusst, denn man spricht nur ein Wort und eine Seele wird gesund oder ein Sein zerstört und „ein zur Unzeit gesprochenes Wort kann ein ganzes Leben umstürzen“ (Menandros).

Wir haben die Verantwortung, weil wir das Wort haben. „Das Wort selbst ist Freiheit“, sagt Feuerbach. Wir haben die Freiheit zu sprechen sagt der Autor, sagt der Jurist, also sprechen wir. Jetzt.

(für Stefan Papst)

Wien, Februar 2006

Das Wort, die Sprache In: Papst, Stefan: Leasing. Wien: Verlag Österreich, 2006, o. S.