Und ich bewege mich doch

Und ich bewege mich doch, regungslos dasitzend, die Welt angetrieben vom Rhythmus der Lokomotive, an mir vorbeiziehend die Zeit, die Landschaft, dämmernd, unendlich der Raum der sich spiegelt in den Fensterscheiben, unendlich mein mir fremd gewordenes Gesicht sich spiegelnd in der Fensterscheibe, hinter ihm die Landschaft, über ihm das Innere des Wagons, über ihm mein Sitznachbar, über ihm erahnt die Spiegelung der gegenüberliegenden

Fensterscheibe.

 

Und ich bewege mich doch, unbewegt dasitzend, meine Gedanken prallen gegen die Fensterscheiben des Wagons, vervielfältigen sich wie mein Gesicht, wie mein Sitznachbar in der Spiegelung der Spiegelung der Spiegelung, werden von der Fensterscheibe zurückgeworfen auf mich, auf mich selbst zurückgeworfen sitze ich bewegungslos während die Welt sich an mir vorbeibewegt unter mir sich vorbeidreht, because the world is round it makes me cry. Die Gedanken auf die Fensterscheiben prallend, zurückgeworfen auf sich selbst treffend, sich selbst überlagernd, aufschaukelnd, gespiegelt und gebrochen und vervielfältigt in der Unendlichkeit vortäuschenden Begrenztheit des Raumes, in der Zeitlosigkeit vortäuschenden Begrenztheit des Seins, in der Bewegungslosigkeit vortäuschenden Geschwindigkeit des Zuges.

Und ich bewege mich doch, bewege mich entlang meines mir so fremden Ichs in die Vergangenheit meines mir nicht gehörenden Seins, in die Zukunft eines nicht vorhandenen Sinns, der Rhythmus, die Melancholie, entlang eines Seins suchen meine Gedanken den Punkt meines Existierens, während sich ihrer selbst bewusst eine dämmrige Landschaft an mir vorbeizieht, während eine sich selbst nicht wichtig nehmende Landschaft an mir vorbeizieht.

 

Meinen Kopf wendend sehe ich ein Mädchen, einen aufgeschlagenem Block auf ihren Knien, mich anstarrend. Ich stelle mir vor, wie sie, den Blick senkend, mit rasch hingeworfenen Worten mein Ich skizziert, während ich mich selbst suchend in der Unendlichkeit des bewegten Raumes mein Leben nach einem lebendigen Sein durchforstend, mich verfehle, mich in mir verliere. Die Nase an die Fensterscheibe gedrückt sitzt ein Kind mir gegenüber. mit dem Finger seiner Rechten unsichtbare Zeichen auf das kalte Glas schreibend.

 

Die Dämmerung dehnt sich in Dunkelheit.

 

Leer blickt der auf meinen Knien liegende, aufgeschlagene Block mich an. Weißes Papier schneidet in die Leere meines Ichs.

 

Knackend reißt mich die Stimme aus dem Lautsprecher von mir los. Die Lichter des Villacher Hauptbahnhofes lassen mein Fensterscheibengesicht verblassen, mein Gesicht verschwinden.

 

Seufzend mich erhebend, knöpfe ich meine Jacke zu und begebe mich zurück:

Ins Leben?

 

Wien, Jänner 2007

 

o. T. In: Wort am Zug. Literaturwettbewerb auf der Gailtalbahn. Siegertexte. o. J. (2007), o. S.