Wenn das erste Wort geschrieben …

1
Wenn das erste Wort geschrieben, der erste Satz vollendet ist, werden die weiteren folgen wie Lemminge einander folgen, sich einander folgend in den Tod stürzen, werden sich meine Worte auf das Papier stürzen, werden sich überschlagend, kreischend auf das Papier stürzen, strampelnd sich mit dem Weiß des Papiers vermischen, mit dem Weiß des Papiers verschmelzen.

Wenn das erste Wort geschrieben, der erste Satz vollendet ist, werden die weiteren folgen, wie von selbst werden die bereits hundertmal in meinem Kopf gedachten, die tausendmal in meinen Gedanken gewesenen Worte und Sätze aufs Papier kippen und sich selbst anordnen, einem Gesetz folgend, etwas Höherem gehorchend, werden die zehntausendmal in mir gewesenen Sätze und Bilder sich mir offenbaren, greifbar vor mir stehend mir ihren Sinn erläutern, mir mich erklärend durch ihr Sein.

Wenn das erste Wort geschrieben, der erste Satz vollendet ist, wird sich mein Ich vor mich stellen und sich mir erzählen und ich werde mich finden in dem was sich aus mir produziert und werde mich erkennen und endlich besitzen.

Fiebrig sitze ich vor meinem Block, fiebrig schreibe ich das erste Wort, den ersten Satz, den ersten Absatz, aber sie lassen mich alleine, meine Sprache lässt mich alleine, meine Worte lassen mich alleine, mein Ich lässt mich im Stich und alleine sitze ich vor den wenigen zerhackten Phrasen meines Seins, vor dem zerhackten Ich meines Selbst, vor den Trümmern meiner Person.

Fiebrig schreibe ich das erste Wort, den ersten Satz, den ersten Absatz, fiebrig erwarte ich das Hervorbrechen von mir, aber ich bleibe mir verborgen, bleibe mir unerkannt, bleibe mir fremd und alleine.

Sätze, die nicht wie Mühlsteine um meinen Hals hängen, muss ich nicht niederschreiben, schreibt Winkler, aber nicht nur einzelne Sätze hängen mir um den Hals, die ganze Sprache hängt mir als Mühlstein um meinen Hals, droht mich hinabzuziehen in die schwarze Leere, mich zu ersticken und lässt sich nicht abschütteln, nicht losschreiben. Ich habe die Wut in mir und die Leere und die Trauer und die Dunkelheit und habe die Wut, die Leere, die Trauer und die Dunkelheit um mich, aber ich kann meine Wut nicht schreien und meine Leere nicht singen und nicht meine Trauer und nicht meine Dunkelheit. Und wie ein Mühlstein hängt mir die Sprache um den Hals und hilft mir nicht meine Wut zu singen und hilft mir nicht meine Leere zu schreien und nicht meine Trauer und nicht meine Dunkelheit. Immer enger wird die Schlinge um meinen Hals, die Adern in meinen Augen schwellen an, das Herz schlägt müde, mit aller, mit letzter Kraft, die Schlinge an der der Mühlstein der Sprache, der Mühlstein der Wut, der Leere, der Trauer, der Dunkelheit hängt, schneidet sich in das Fleisch meines Halses, Blut bricht aus meinem Mund, Blut aus der Wunde am Hals, das Blut aus dem Mund tropft schäumend vermischt mit meinem Speichel mir aus den Mundwinkeln, das Blut am Hals sickert träge aus der Wunde, erreicht, aufgesogen vom Strick, nicht einmal den Kragen meines Hemdes.

Wie ein auf das Trockene geworfener Fisch zapple ich, versuche blind und panisch mich zu retten, wie ein Tintenfisch stoße ich die letzten Tintenspritzer meines Inneren aufs Papier, erwürgen wird mich der Mühlstein der Sprache, zu ersticken droht er mich, aber noch tut er es nicht, noch tötet mich die Schlinge nicht, aber genauso wenig bin ich in der Lage mich zu retten, bin weder in der Lage mich von der als Mühlstein um meinen Hals hängenden Sprache zu befreien noch mich nicht immer wieder von vorne ein wenig aus der Schlinge zu winden, ein bisschen den in mein Fleisch schneidenden Strick zu lockern, zappelnd vegetiere ich mehr als ich lebe, lebe ich nicht, ohne zu sterben. Müde sitze ich vor dem weißen Blatt Papier und versuche ein um das andere mal die Worte meines Ichs aufs Papier zu kippen.

2
Wenn das erste Wort geschrieben, also schreibe ich das erste Wort, und der erste Satz vollendet, also vollende ich den ersten Satz, aber nach einem Absatz oder spätestens nach zweien bleibe ich stecken, bleibt die Sprache in mir stecken und ich zerre an ihr, reiße an ihr, prügle auf sie ein und indem ich an der Sprache zerre, ziehe ich die Schlinge um meinen Hals nur umso enger und indem ich auf sie einprügle, prügle ich auf mich ein bis nicht nur das in mir festsitzende Sprachgeschwür platzt und sich rotgelb in mir ergießt, nein, vorher schon platzen meine Eingeweide, zerbirst der Magen, dessen Säure sich durch meinen Körper zu fressen beginnt, zerplatzt mein Darm, meine Ausscheidungen vermischen sich mit dem Blut, rotbraungrün kreist in mir Darm- und Magen- und Lebenssaft und rotgelb mischt sich meine Sprache hinzu bis der Druck zu groß wird, bis es blutend und schäumend aus mir herausbricht, schmerzend mir aus den Poren dringt, aus dem After dringt, aus meinen Ohren und meiner Nase quillt, die Mischung aus meinem Inneren und meiner Sprache die mir mein Inneres zeigen soll, aber nicht so, denke ich mir, und werfe die klebrigen Klumpen aufs Papier. Was bleibt ist das Halbe – wie so oft – ein Text entsteht, aber unfertig steht mein Ich vor mir, die Schmerzen umsonst, die Qual umsonst, Pathos und ich mit mir wieder alleine.

3
Tief greife ich in das Waffenarsenal der Sprache und schleudere die zu Leben erwachenden Phrasen gegen den grinsenden Schädel des mittelalterlichen Todes, gegen das zärtliche Antlitz des hofmannsthalschen Todes, zermahle den blond androgynen Tod des Gustav Aschenbachs, zertrete, zermalme, zerstöre die 100.000 Todesdarstellungen, kein Abbild Gottes aber 100.000 Abbilder des Todes sollt ihr anbeten, gießt den kälbernen Tod in Gold und tanzt zu seinen Ehren. Die mit Leben aufgeladenen Worte schleudere ich gegen den kahlen Schädels der grinsend zerbricht, mit den blitzenden Worten des Seins köpfe ich das schöne Gesicht, das lächelnd mit dumpfem Knall in den Staub fällt, mit der gerinnenden Paste aus Staub und Blut male ich mir ein ? auf die eine, ein ? auf die andere Wange, überlege es mir anders, verwische das ? und male ein zweites. Wühlend suche ich im Arsenal der Sprache Worte gegen den Tod, suche in den zornigen Selbstanklagen Bernhards gegen die Welt nach Worten gegen den Tod, suche in den Gedichten Valentes Worte gegen den Tod, aber nicht einmal einen Gedanken fähig gegen den Tod gibt es bei demselben, suche bei der Harmonie Rilkes und bei der zerstörerischen Gewalt Jelineks, suche in den Farborgien der Sonatas von Valle-Inclan und suche und finde nichts. Verzweifelt wühle ich im Dreck Winklerscher Friedhofserde, forme aus der nach Verwesung riechenden Erde einen Mann nach meinem Vorbild und reiße ihm das Geschlecht aus um eine Frau zu formen, nach der er sich verzehrt. Und seiner Gewalt beraubt ist er gezwungen sich friedlich mit seiner Gefährtin zu vereinen und er schlitzt sich auf und sie schlitzt sich auf und lachend schaufeln sie die Gedärme aus ihren Körpern in jenen ihres Partners, der Mann gibt der Frau seine Gedärme und sein Inneres, auch den Samenleiter gibt er ihr, in dem 100.000 Seelen schlummern und die Frau stopft ihm ihre Gedärme in den Leib und ihre Eileiter und ihre Eierstöcke, in denen 100.000 Seelen schlummern, ab und zu stoßen die beiden mit ihren Händen aneinander, fällt ihnen ein Stück Darm zu Boden oder die Leber, so bücken sich beide und ihre Köpfe stoßen aneinander und sie lächeln und küssen sich bevor sie sich weiter gegenseitig voll stopfen, zum Schluss noch das Herz und so vereinigt, geschlechtslos werden sie dem androgynen Tod gleich und dem geschlechtslosen Gott, der geschlechtslosen Göttin, Gott Vater, Gott Mutter, Gott Heiliger Geist und geschlechtslos werden sie als gleichwertig akzeptiert, werden sie unsterblich, werden sie meine persönliche Rache am Tod, mein Sieg über das Vergehen. Doch die Sprache verweigert sich mir und schaffe ich es endlich einen Körper zu formen, so fehlt mir der Odem den ich ihm einhauchen kann und so zerstöre ich wütend das Leblose, und spüre ich den Odem in mir, will mir kein Körper gelingen, ist die Erde des Friedhofs zu trocken, ist die tränennasse Friedhofserde Vergangenheit und der Körper zerbröckelt unter meinen zittrigen Händen und kein Wort, das es regnen lassen würde, kein Satz, der die Frauen des Dorfes weinend zu Jakob und Roberts Grab schreiben würde.

4
Wer hilft mir auszubrechen aus der Verzweiflung meiner Nichtsprachlichkeit, wer hilft in meinem Inneren dies babylonische Gewirr zu entziffern, das rasend in meinem Kopf hin- und her schießt, tobend einen Ausgang sucht, wütend gegen die Knochen meines Schädels schlägt, das als Tumor in meinen Eingeweiden sitzt, nagend Metastasen wirft bis ich sie erbrechen möchte, die tausende und abertausende Verästelungen des Sprachgeschwürs, wer hilft mir den Druck in meiner Brust zu lindern den die aufgebaute, eingesperrte Sprache bildet, furios, virtuos möchte ich mir mit einer Stricknadel in den Brustkorb stoßen, zwischen die Rippen stoßen, bis ins Tiefste meines Inneren stoßen, sprudelnd rast das Rot meines Blutes aus dem Loch, wie Dampf zischt die Sprache mit und Wort für Wort fange ich sie ein, presse ich sie in das Gefängnis meiner Sätze und Phrasen und Absätze, wer hilft mir den Mühlstein der Sprache, der mich tiefer und tiefer in die Nichtexistenz führt, abzutrennen, wie Hans im Glück werfe ich ihn in den Brunnen, in dem ich gerade zuvor das aus dem Blutkorb sprudelnde Sprachblut aufgefangen hatte um die Worte daraus abzuschöpfen, Stück für Stück sie danach aufs Papier werfend, mit dem noch übrigen Blut vermischt schwimmen die erbrochenen Sprachmetastasen. Blut und Erbrochenes spritzt in mein Gesicht, als ich lachend dem Mühlstein hinterher sehe, lachend verwische ich das Gemisch mit meinen von der Schreibarbeit tintenbefleckten Händen, lachend schreibe ich ein ? auf die eine Wange und ein weiteres auf die zweite, bekreuzige mich mit einem ? auf der Stirn, einem ? auf dem Kinn und einem auf der Brust, wer hilft mir und spaltet mit einer Axt meinen Schädel, so dass jubilierend die Gedanken meines Ichs sich in den Raum ergießen, wie Bienen aus einem Bienenstock stürzen sie sich in den Raum, sammeln sich wie Motten um das Licht an der Decke und verbrennen aufkreischend, die auf den Boden gefallenen Gedanken hebe ich mit einer Pinzette auf und spieße die Wörter, Sätze und Phrasen possierlich geordnet in das Schmetterlingsalbum meines Wesens. 

5
Mit Worten male ich an die Wand den Teufel, der mich anspringt, der mich lehrt, dass ihn mit dem Belzebub zu vertreiben unmöglich ist. Wütend laufe ich gegen die Wand aus Sprache, reiße aus ihr Bruchstücke des Sinns, die sich zu nichts zusammenfügen, zum Nichts zusammenfügen. Konzeptlos reiße ich Stücke aus der Wand, ohne Form oder Plan, Unlogik gegen Logik denke ich mir, Mensch gegen Computer, Kasparov gegen Deep-Blue, aber eiskalt logisch schlägt sie zurück, das totale Chaos ihrer Logik, die perfekte Logik ihres Chaos, ihr Sein, ihr Schein und ich, Windmühlenwand, Wahnsinn wälzt in mir, mich wälzt der Wahnsinn in sich, der Gottseibeiuns stürzt aus der Wand, tintentotrot löscht er das aus, was ich ohnehin nicht bin, also mich und wie im Wahn werfe ich mit Worten um mich, kreuzige ich Christus am Papier noch einmal, streue Salz in meine Wunden an den Handflächen, an den Füßen, an der Seite, nehme ich ihn an mein mütterliches Herz, dornenreich weine ich und salbe ihn mit den bescheidenen Sätzen meines Ichs, sprich nur ein Wort und ich werde auferstehen um ich zu werden, lieber Herrgott lass mich sein in deinen Worten, Reime gibt es nicht mehr und keine Wunder. Mit Worten des Wahns werfe ich den Teufel an die Wand und den Belzebub und nagle deren eingeborenen Sohn, mich, daneben und weine und erkenne und falle auf die Knie, die Nägel aus der Wand reißend, schlage mir die nägelbewehrten Hände vors Gesicht, sanft durchstoßen die Nägel die Hornhaut, durchdringen die vordere Augenkammer, durchstechen die Pupille, die Linse, die hintere Augenkammer, in der ewigen Dunkelheit das Licht der Erleuchtung zu finden hoffe ich, die Hoffnung bleibt, ich sterbe zuletzt.

6
Weiß starrt Papier bedeutungslos mich an, starrt es mich an ohne Sinn, schneidet es in das Zentrum meiner Sprache, zerschneidet die im Zentrum meiner Sprache zurechtgelegten Worte, zerschneidet die in mir schon so lange festgelegten Worte einmal, zweimal, hundertmal, zerhackt die Worte meines in mir seienden, festgelegten, meiner Sprache meines Ichs, zerhackt, zerhäckselt, zermalmt und Staub bleibt, aus Buchstaben seid ihr gemacht, zum Staub werdet ihr zurückkehren, Phonem zu Phonem, Morphem zu Morphem und ein gehe ich in die ewige Ruhe, geht mein Sprachzentrum ein in die unendliche Stille. Voller Worte setze ich mich, bereit um zu erschaffen, denn am Anfang waren die Worte und ich habe die Worte und schreibe ich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund, aber starrend liegt das Papier unantastbar vor mir und schneidend durchdringt es das Zentrum meiner Sprache, zerteilt es die Worte meines Ichs in hunderte, tausende Teile bis kein Ich mehr da ist. Im Dunkeln zu schreiben um das Papier einfach nicht zu sehen, um die Worte zu schützen vor der Schärfe des Unglück bringenden, des Papiers, in der vollendeten Dunkelheit die vollendeten Sätze auf das harmlos in Bedeutungslosigkeit Erstarrte zu schreiben.

7
Umkreise mich und mein Sein, immer enger das Maschennetz meiner Sprache ziehend um mich und mein Sein, nur kein Fehler, kein Schlupfloch, langsam lieber als schnell und fehlerhaft, lieber langsam und sicher, rede mit den Steinen, mit den Pflanzen, den Insekten, dann erst den Kühen, der Mord existent am Beginn meines Ichs ist inexistent, ist Geburt, kein Gericht verurteilte mich, denn das Opfer ist die Sprache, bin ich, ich bin der Mörder, bin ich nicht, langsam, der Mord existiert nicht, Geburt das Wort welches ich suche, aber nicht finde. Nicht ich in die Welt geworfen, ich mache mir die Welt und sehe, dass es gut ist, nicht kleines Nichts im großen Alles, nein, kleines Alles im großen ohne-mich-Nichts. Und am Anfang war das Wort und ich war das Wort weil ich es schuf, aus Lehm schuf ich das Wort und hauchte ihm den Sinn ein und teilte die Worte in welche die den Himmel und welche die die Erde beschrieben und die Worte benannten die Tiere, jedes nach seinem Sein. Nicht ich in der Welt, die Welt um mich, abgeschafft der Mord, fehlerfrei gewebt das Netz von Beginn an ohne Unaufmerksamkeit gearbeitet.

8
Werfe ich einen blauen Tropfen meiner Sprache in die Meeresweite, wird er dann wüst gegen die Felsen schlagen sie zermalmend um endlich das Lied meines Ichs singen zu können? Ein weißer Delphin trägt auf der Spitze seiner Flosse das einzig perfekt gelungene Wort meines Selbsts und leuchtet in der Nacht bis zu den Grenzen des Himmels schwimmend als Sternbild meines Seins. Oder sinkt es auf den Grund des Meeres metertausendabertausendweit zu seltenen Tieren, die noch unentdeckt einander erstaunt zeigen welch Wesen sich in dem Sprachtropfen versteckt, ein Oktopus gigantischen Ausmaßes nimmt ihn um ihn mit seinen unendlichen Armen allen zeigen zu können. Springen die Meereswassertropfen glücklich um den schönsten aller Geschwister, ihn fröhlich Willkommen in der Ewigkeit heißend und sich spiegelnd in den hunderttausenden Ebenbildern seines Lebens, erkennt der Sprachtropfen sich, also mich, und in gewaltiger Flutwelle stürzen sie Gott zu, meinen Sprachtropfen als oberste Schönheit auf der Spitze tragend. Und Gott sieht, dass es gut ist und erkennt der Schlange Reue und bricht den Apfel um mit mir in ewiger Brüderschaft die gemeinsame Angst zu besiegen.

9
Der Sprache Gott opfere ich auf dem Altar der Wörter meinen eingeborenen Sohn, den sich wehrenden Isaak, dessen Arme ich hinter seinem Rücken verbinde, dessen Beine ich zusammenschnüre um den laut Schreienden auf den mit Korallen und Muscheln geschmückten Altar am höchsten Berge der Umgebung zu legen. Weinend blicke ich in die ängstlich aufgerissenen Augen meines eigenen Ichs, während ich den Dolch mit dem elfenbeinernen Griff erhebe und erkenne im Zucken des Gesichts während meine Rechte die Klinge nach unten schnellen lässt endgültig mein Ich, höhnisch die Sprache, mein Erkennen zu spät und mit glattem Stich durchstoße ich meinen Brustkorb und mein Herz, zuckend werfe ich mich nach oben ein paar Sekunden nur, spucke Blut, mein Blut, das verdampfend als leichter roter Rauch noch in der Luft steht, um später irgendwo in Ägypten als Wahrheit vom Himmel zu regnen. An meinem Leichnam niederstürzend, sterbend, entzünde ich den Scheiterhaufen und verbrenne mit mir auf dem mit Muscheln und Korallen geschmückten Altar der Sprache.

10
Isaak! brülle ich mir vor dem Spiegel stehend zu, Isaak! und tauche meinen Zeigefinger in das Tintenfass der Sprache, noch immer brüllend schreibe ich ein I ein S ein A und so weiter, schreibe ich ISAAK über meine Spiegelgesicht, über das Gesicht meines Spiegelsohnes. Über meine Wangen rollende Tränen verwischen doch die Tinte nicht, in der der Name Isaak auf meinem Gesicht geschrieben steht und nur dunkel sehe ich dahinter in meinen Augen das Messer meiner Opferhand blitzen. Abraham – Isaak und der Altar, Gott Vater – Gott Sohn und Gott Heiliger Geist, im Namen der Sprache kröne ich mich zu den heiligsten Dreifaltigkeiten werde mein Richter, mein Henker und mein Opfer, keine Angst vor Blasphemien, nur vor der vernichtenden Macht der Sprache, vor dem stigmatisierenden Ausgegrenzt-Sein aus der Sprache.

 

Wenn das erste Wort geschrieben... In: 12. open mike – Internationaler Literaturwettbewerb deutschsprachiger Autorinnen und Autoren. München: Allitera Verlag, 2004, S. 37-45.